Ostsee Zeitung, 27.2.2012
Prof. Succow: Gequälte Tiere auf engstem Raum schrecken ab

OZ: Sie sind Ökologe. Warum beschäftigt Sie das Thema Landwirtschaft?

Michael Succow: Ich bekomme immer häufiger Hilferufe aus Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, in denen große Hähnchen- oder Schweinemastanlagen gebaut werden sollen. Immer mehr Bürger sind der Meinung: Dieses Land ist zu schade, um durch industriemäßige Agrarnutzung ruiniert zu werden. Nicht nur umweltbewegten Menschen wollen, dass wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen.  

OZ: Der Bauernverband meint, die Proteste kommen von kleinen Gruppen, die aber kräftig Lärm machen. Wie ist Ihr Eindruck?

Succow: Ich bin überzeugt, dass inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung die industriemäßige Agrarproduktion für nicht mehr verantwortbar hält. Im Januar war ich in Berlin zur Grünen Woche beim Protestzug vor dem Kanzleramt dabei. Unter dem Motto „Wir haben es satt – Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ forderten die Demonstranten von Kanzlerin Angela Merkel eine Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik. Das waren 23000 Menschen, keine Splittergruppe. Neu ist, dass aus der Landwirtschaft nicht nur Ökobauern dabei waren, sondern auch viele Milchbauern, die im Bund Deutscher Milchviehhalter organisiert sind.

OZ: Warum sind Sie gegen industrielle Agrarnutzung?

Succow: Sie führt zu ökologischer, aber auch sozialer Verödung ganzer Landstriche. Industriemäßige Anlagen kommen mit ganz wenig Beschäftigten aus. Zwangsläufig gehen Arbeitsplätze verloren, Auf dem Lande fühlen sich immer mehr Menschen nicht mehr gebraucht. Das führt zu sozialen Fehlentwicklungen. Auch dazu, dass vor allem im ländlichen Raum Neonazis Fuß fassen. Außerdem schreckt der Anblick der Großanlagen ab – Stacheldraht und nachts erleuchtete, hohe Mauern, gequälte Tiere auf engstem Raum. Das erinnert an Zuchthäuser. Wer kann, zieht weg.

OZ: Sie sprechen von der Natur als Kapitalstock. Was meinen Sie damit?

Succow: Wir sollten uns bewusst machen, dass die Natur unser Reichtum ist. Die Ostseeküste, die vielen Seen, die Wälder mit Adlern, Kranichen, Schwänen – all das macht Mecklenburg-Vorpommern zu einem begehrten Wohn- und Urlaubsland, zu einem aussichtsreichen Standort für Gesundheitswirtschaft und Regionalentwicklung. Wir haben es nicht nötig, Zerstörung durch die Agrarindustrie hinzunehmen.

OZ: Der Bauernverband meint, dass die Landwirtschaft billig produzieren muss, um wettbewerbsfähig zu sein. Was sagen Sie zu diesem Einwand?

Succow: Es kann nicht gesund sein, dass ständig mehr Brathähnchen für drei oder vier Euro auf den Markt geworfen werden, billiger als Hunde- und Katzenfutter. Deutsche Autos sind im Ausland ein Synonym für Qualität, für hochwertige Produkte. Das muss auch für hier erzeugte Nahrungsmittel gelten. Außerdem ist diese so genannte billige Produktion für die Allgemeinheit sehr teuer. Schadstoffe aus Tierfarmen kommen irgendwann im Grundwasser an. Solche Grundwassereinbrüche gibt es bereits, sie zu beheben, dafür müssen wir als Steuerzahler aufkommen. Der fruchtfolgelose Maisanbau zur Energiegewinnung in Biogasanlagen ruiniert nicht nur die Böden, sondern ist auch Energieverschwendung. Die großen Landmaschinen verbrauchen viel Treibstoff, Kunstdünger und Unkrautvernichtungsmittel müssen mit großem Energieaufwand hergestellt werden.

OZ: Was halten Sie von dem häufig angeführten Argument, dass der Hunger in der Welt allein mit ökologischer Landwirtschaft nicht besiegt werden kann?

Succow: Ich bin der festen Überzeugung: Die Lösung globaler Ernährungsprobleme findet entweder nachhaltig-ökologisch und regional statt oder überhaupt nicht. Deutschland verfügt nur über ein Prozent der Welt-Agrarfläche. Es ist unsinnig, damit die Welt ernähren zu wollen. Für das in Deutschland verbrauchte Hühner- und Schweinefutter sind 2,4 Millionen Hektar Sojaanbaufläche nötig. Soja importieren wir zum Beispiel aus Brasilien, wo dafür die Regenwälder gerodet werden. Es ist belegt, dass 90 Prozent der Rodungen im Amazonasgebiet insbesondere dem Sojaanbau dienen.

OZ: Das würde bedeuten, dass die deutsche Agrarwirtschaft auch im Ausland Landschaft zerstört. Kennen Sie solche Beispiele aus eigener Erfahrung?

Succow: Ja, meine Stiftung arbeitet in Äthiopien an einem Landnutzungsprojekt zur Stabilisierung ländlicher Räume. Dort behindern zum Beispiel Milchpulverimporte die eigenständige Regionalentwcklung. Im Sudan betreiben Investoren zweifelhafte Landraub-Machenschaften auf riesigen Flächen. Sie vertreiben sie die indigenen Völker von ihren angestammten Siedlungsplätzen.

OZ: Sie plädieren für eine Allianz der Vernünftigen gegen industriemäßige Agrarnutzung. Wen wollen Sie dafür gewinnen?

Succow: Naturschützer, Hoteliers, Politiker, die Gesundheitswirtschaft, aufgeklärte, ökologisch wirtschaftende Landwirte – alle, die die subventionierte Unvernunft nicht mehr mittragen wollen.

OZ: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Succow: Eine ökologisch orientierte Landnutzung, die sich in Naturzusammenhänge einordnet und Lebensfülle zulässt. Äcker, über denen Lerchen jubeln, mit gesunden, humushaltigen Böden, die gutes Grundwassser bilden können. Kulturlandschaft hat etwas mit Kultur zu tun, mit einer Geisteshaltung. Landwirt zu sein heißt, die Landschaft zu bewirten. Landschaft ist ein Organismus, den wir stabilisieren müssen, nicht degradieren.

OZ: So spricht der Visionär und Wissenschaftler. Fühlen Sie sich damit von der Landespolitik verstanden?

Succow: Ja. Ich denke, dass bei unserer Landesregierung ein Umdenkprozess eingesetzt hat. Ein Gespräch mit Ministerpräsident Erwin Sellering hat mir Mut gemacht.

Interview von Elke Ehlers